Dr. Yiming Peng-Winkler und Prof. Sarah-Maria Fendt

Fettleber begünstigt aggressivere Form der Krebsausbreitung ​

Leuven, 1 Juli 2026 – Forschende von VIB und KU Leuven haben gemeinsam mit internationalen Partnern herausgefunden, wie eine Fettlebererkrankung die aggressivste Form von metastasierendem Darmkrebs antreiben kann. Die Ergebnisse, veröffentlicht in der renommierten Fachzeitschrift Nature, erklären nicht nur, warum einige Patientinnen und Patienten deutlich schlechtere Prognosen haben. Sie zeigen auch, dass Stoffwechselerkrankungen wie die Fettleber das Fortschreiten von Krebs direkt beeinflussen können – und ebnen damit den Weg für präzisere, stärker auf den individuellen Stoffwechsel zugeschnittene Therapien.

Darmkrebs (kolorektales Karzinom, CRC) zählt weiterhin zu den häufigsten krebsbedingten Todesursachen weltweit. Nahezu jede zehnte Krebsdiagnose entfällt darauf, und inzwischen ist er die häufigste krebsbedingte Todesursache bei Menschen unter 50 Jahren. Ein entscheidender Grund für die hohe Sterblichkeit ist, dass bis zu 50 % der Patientinnen und Patienten Tochtertumoren in entfernten Organen entwickeln – vor allem in der Leber. Diese sogenannten Metastasen verschlechtern die Überlebenschancen erheblich.

Bei Patientinnen und Patienten mit Lebermetastasen hängt die Prognose maßgeblich davon ab, wie die Tumoren in der Leber wachsen. Auffällig ist: Bleiben Metastasen klar vom gesunden Lebergewebe abgegrenzt – sogenannte ‘encapsulated’ Metastasen –, können Fünf-Jahres-Überlebensraten von rund 73 % erreicht werden. Deutlich schlechter ist die Prognose hingegen bei sogenannten ‘replacement’ Metastasen. Hier dringen Krebszellen in das gesunde Lebergewebe ein und interagieren mit ihm, was zu einem wesentlich aggressiveren Krankheitsverlauf führt – mit Überlebensraten von unter 44 %.

Trotz dieses klaren klinischen Unterschieds ist bislang nur unzureichend verstanden, was die Entstehung dieser besonders aggressiven Metastasen antreibt. Zudem fehlen gezielte Therapien – ein erheblicher ungedeckter medizinischer Bedarf.

Eine häufige Stoffwechselerkrankung mit unerwarteten Folgen

Eine neue Studie unter der Leitung von Prof. Sarah-Maria Fendt (VIB-KU Leuven Center for Cancer Biology) identifiziert nun einen zentralen, lebensstilbedingten Faktor: Fettablagerungen in der Leber, bekannt als Lebersteatose oder Fettleber.

Durch die Analyse von Patient:innenproben und experimentellen Modellen konnten die Forschenden zeigen, dass Menschen mit Fettleber deutlich häufiger aggressive Ersatzmetastasen entwickeln. Das ist besonders relevant, da die Verbreitung von Fettlebererkrankungen weltweit stark zunimmt – angetrieben durch steigende Raten von Übergewicht und Stoffwechselstörungen.

„Diese Arbeit zeigt, dass ein Zustand, den wir oft als bloßes metabolisches Hintergrundproblem betrachten, das Verhalten von Krebs direkt prägt“, sagt die leitende Forscherin Prof. Sarah-Maria Fendt (VIB-KU Leuven). „Sie verdeutlicht, dass die Physiologie der Patientinnen und Patienten nicht nur eine Nebenrolle spielt, sondern aktiv das Fortschreiten der Erkrankung bestimmt.“

Wie Fett die Tumorbiologie verändert

Die Studie entschlüsselt auch den molekularen Mechanismus, der die Fettleber mit einer aggressiveren Krebsausbreitung verbindet. In verfetteten Lebern führen erhöhte Fettsäurespiegel dazu, dass der Stoffwechsel und das Verhalten von Krebszellen umprogrammiert werden. Entscheidend dabei ist die Stabilisierung des Proteins MYC – ein bekannter Treiber des Tumorwachstums.

Stabilisiertes MYC steigert die Produktion von Prolin, einer Aminosäure, die als wichtiger Baustein für Kollagen dient. Dieses Kollagen schafft eine Struktur, die es Tumorzellen ermöglicht, in das Lebergewebe einzudringen und sich dort auszubreiten – wodurch ‘replacement’ Metastasen entstehen.

„Vereinfacht gesagt liefert die Fettleber sowohl das Signal als auch die Baumaterialien, die Tumoren für aggressiveres Wachstum benötigen“, erklärt Fendt. „Sie verändert grundlegend die Spielregeln der Metastasenbildung.“

Sofortige Auswirkungen: bessere klinische Studien

Ein besonders unmittelbarer Nutzen der Ergebnisse liegt in der verbesserten Auswahl von Patientinnen und Patienten für klinische Studien. Medikamente, die auf MYC abzielen, werden bereits auf ihre Sicherheit getestet. Ihr Erfolg hängt jedoch entscheidend davon ab, jene Patient:innen zu identifizieren, die am meisten davon profitieren.

Die Studie liefert hierfür einen konkreten Ansatz: Demnach könnten solche Therapien vor allem bei Patientinnen und Patienten mit Fettleber und Ersatzmetastasen wirksam sein – und damit eine klare Strategie für die Patientenselektion bieten.

„Das eröffnet uns eine neue, sehr leistungsfähige Möglichkeit zur Patient:innenstratifizierung“, sagt Fendt. „Wenn wir diejenigen identifizieren, die am meisten profitieren, können wir klinische Studien effizienter gestalten und wirksame Therapien schneller verfügbar machen.“

Eine präzisere Auswahl könnte die Erfolgsraten klinischer Studien erhöhen, unnötige Behandlungen reduzieren und die Entwicklung zielgerichteter Therapien beschleunigen.

Neue Ansatzpunkte für Therapien

Die Studie zeigt zudem, dass sich dieser Mechanismus therapeutisch nutzen lässt. Indem verschiedene Schritte dieses Signalwegs gezielt blockiert werden – etwa MYC, die Prolinproduktion oder die Kollagenbildung –, konnten die Forschenden in fortgeschrittenen experimentellen Modellen die Entstehung und das Wachstum aggressiver Metastasen deutlich reduzieren, darunter auch in patientenbasierten Gewebemodellen.

Diese Ergebnisse eröffnen neue therapeutische Perspektiven, die sich am Stoffwechselzustand der Patientinnen und Patienten orientieren. ​

„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass wir an mehreren Punkten in diesen Prozess eingreifen können“, so Fendt. „Das schafft völlig neue Möglichkeiten für Therapien, die gezielt die gefährlichsten Formen metastatischer Erkrankung adressieren – insbesondere bei Patient:innen mit Lebererkrankungen wie der Steatose.“

Zugleich unterstreicht die Studie die Bedeutung, die Stoffwechselgesundheit stärker in die Krebstherapie einzubeziehen. Der Fettgehalt der Leber könnte künftig als Biomarker dienen, um Therapieentscheidungen zu steuern und den Krankheitsverlauf besser vorherzusagen.

„Diese Arbeit verändert unsere Perspektive grundlegend“, sagt Dr. Yiming Peng-Winkler (VIB-KU Leuven, Universitätsklinikum Düsseldorf), Erstautor der Studie. „Um Krebs wirksam zu behandeln, müssen wir nicht nur den Tumor selbst betrachten, sondern auch die Umgebung, von der er abhängt. Nur so lassen sich wirklich präzise und effektive Therapien entwickeln.“

Ein grundlegender Perspektivwechsel

Übergreifend macht die Studie ein zentrales Prinzip deutlich: Das Fortschreiten von Krebs wird nicht allein von den Tumorzellen bestimmt, sondern auch maßgeblich von ihrem Umfeld im Körper. Indem sie zeigt, wie die Fettleber aggressive Metastasen begünstigt, liefert die Arbeit sowohl eine mechanistische Erklärung für unterschiedliche Krankheitsverläufe als auch konkrete Ansätze, diese künftig zu verbessern.

Angesichts der weltweit steigenden Zahl von Stoffwechselerkrankungen dürften diese Erkenntnisse in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen – nicht nur für das Verständnis der Krebsbiologie, sondern auch für die Weiterentwicklung von Diagnose, Patientenselektion und Therapie.


Publikation

Steatosis shapes prognosis-defining liver metastasis heterogeneity in CRC. Peng-Winkler et al. 2026. Nature. ​

Hauptförderung: Diese Arbeit wurde unterstützt durch den Fonds für Wissenschaftliche Forschung – Flandern (FWO) und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG).

Nebenförderung: ​ EMBO, das Gilead Sciences Research Scholars Program in Solid Tumors, die Beug-Stiftung, den China Scholarship Council, die Else Kröner-Fresenius-Stiftung, das Terry Fox New Frontiers Program, die National Decade Against Cancer, Fonds Baillet Latour, Francqui Stichting, Foundation ARC, Stichting tegen Kanker sowie den Wereld Kanker Onderzoek Fonds.


Fragen von Patienten



Ein Forschungsdurchbruch bedeutet nicht automatisch einen medizinischen Durchbruch. Die Ergebnisse der VIB-Forscher können die Grundlage für neue Therapien bilden, doch der Entwicklungsprozess dauert Jahre. Dies wirft viele Fragen auf. Daher bitten wir Sie, in Ihrem Bericht oder Artikel die von VIB zu diesem Zweck bereitgestellte E-Mail-Adresse anzugeben. Unter dieser Adresse können sich alle mit Fragen zu dieser und anderen medizinisch orientierten Forschungsprojekten melden: patienteninfo@vib.be.


Gunnar De Winter

Gunnar De Winter

Science Communication Manager, VIB
Kristof Windels

Kristof Windels

Media Relations Manager, VIB

 

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